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Fallbeispiel

2007 nimmt Familie Meier Kontakt zu „Neue Wege“ auf, einem Träger der freien Jugendhilfe, der mit Pflegefamilien und Erziehungsstellen arbeitet. „Neue Wege“ hat seinen Sitz in Glücksstadt, Familie Meier wohnt in Anders im Niemandsland. Im Vorfeld informierten sich die Eheleute Meier ausgiebig im Internet über verschiedene Anbieter und ihre Arbeit. Das Angebot von „Neue Wege“ hatte sie schließlich überzeugt, nicht zuletzt aufgrund des umfangreichen Betreuungsangebotes und der Fachlichkeit, von der sie sich selbst im Rahmen der Bewerberarbeit überzeugten.

Nach einer intensiven Zeit des Kennenlernens erfolgte dann 2008 die Vermittlung der Geschwisterkinder Chantal (5 Jahre) und Kevin (7 Jahre) in ihre Familie, in der auch die leiblichen Kinder Sarah (9 Jahre) und Janis (11 Jahre) leben. Nach der Inobhutnahme durch die Mitarbeiterin des Jugendamtes Glücksstadt lebten Kevin und Chantal für 9 Monate in einer Notaufnahmestelle, wo sie eine Vielzahl von Auffälligkeiten zeigten (Aggression, Autoaggression, Distanzlosigkeit, kleinere Diebstähle in der Gruppe, starke Unruhe, nächtliches Einkoten und die Tendenz zum Weglaufen). Alle Beteiligten sind sehr froh, dass Familie Meier durch Vermittlung und mit Unterstützung des Trägers „Neue Wege“ zur Aufnahme der Geschwister bereitsteht.

Die ersten zwei Jahre sind für alle Beteiligten eine turbulente Zeit mit vielen Aufs und Abs. Jedes Familienmitglied muss seinen neuen Platz im Rollengefüge finden. Sarah und Janis reagieren sehr eifersüchtig auf den Familienzuwachs, Chantal und Kevin haben zunächst große Schwierigkeiten sich an Familie Meier mit ihren Regeln und Bräuchen zu gewöhnen. Auch dauert es bestimmt ein halbes Jahr, bis sich die Besuchskontakte zur leiblichen Mutter einspielen. Diese kann ihre Kinder alle zwei Monate in den Räumlichkeiten von „Neue Wege“ treffen und hatte anfänglich große Probleme, zu akzeptieren, dass ihre Kinder nun in einer Pflegefamilie leben.

Die Eheleute Meier machen viele Grenzerfahrungen, lernen sich und den Partner noch einmal ganz neu kennen. Zudem erleben sie Verwandte und Freunde, die sehr unterschiedlich auf ihre neue „Aufgabe“ reagieren, noch einmal ganz anders. Neu ist auch die Erfahrung, dass auf einmal alle (Erzieher, Therapeuten, Fachleute,... ) über sie reden und auf ihren Alltag Einfluss ausüben. Wie gut, dass sie Chantal und Kevin so in ihr Herz geschlossen haben - sonst wäre eine solche Arbeit rund um die Uhr sicher schwer leistbar.

Zudem sind sie sehr froh, in diesem sehr aufregenden und Kräfte zehrenden Lebensabschnitt intensiv von „Neue Wege“ begleitet zu werden. Mit ihnen sind sie wöchentlich in Kontakt, pflegen zudem den Austausch zu anderen Familien von „Neue Wege“ und nehmen an den Fortbildungen des Trägers teil. Hier gibt es Menschen, zu denen sie einen vertrauensvollen Kontakt aufgebaut haben. Hier werden ihre aktuellen Probleme und Freuden verstanden - was im alltäglichen Lebensumfeld kaum der Fall ist.

Als sich nun alles nach gut zwei Jahren eingespielt hat und eine gewisse „Normalität“ eingekehrt ist, wird der Wechsel der örtlichen Zuständigkeit gem. § 86,6 SGB VIII vollzogen, und das Jugendamt Anders übernimmt die Fallführung im Rahmen der Unterbringung von Chantal und Kevin. Auch die Vormundschaft, die beim Jugendamt Glücksstadt lag, wird dorthin abgegeben.

Bereits beim ersten Hausbesuch machen die Mitarbeiter des Jugendamtes Anders den Pflegeeltern und -kindern deutlich, dass sie nicht gewillt sind, mit „Neue Wege“ zusammen zu arbeiten, da es in Anders bislang keine vergleichbar betreuten Pflegefamilien gibt und geben soll. Alle Pflegefamilien - ob Sonderformen oder mit besonderem Bedarf - werden über den eigenen Pflegekinderdienst betreut (die Fallzahl pro Mitarbeiter ist dreimal so hoch wie bei denen von „Neue Wege“). Zudem hat das Jugendamt Anders ein abweichendes Verständnis von Pflegekinderarbeit: Geschwisterunterbringungen sieht es kritisch, und Besuchskontakte zur Herkunftsfamilie werden ausgeschlossen, da sie als für das Kindeswohl nicht zuträglich eingeschätzt werden.

Die Eheleute Meier machen deutlich, dass sie sich die Fortsetzung der Arbeit unter anderen Bedingungen als den von ihnen selbst gewählten nicht vorstellen können. Sie haben sich nun zwei Jahre lang intensiv auf die Zusammenarbeit mit „Neue Wege“ und dem abgebenden Jugendamt eingelassen und sind - wie auch Chantal, Kevin, Sarah und Janis – mit ihrem Träger vertraut und erachten die bisherige Arbeit als erfolgreich.

Die Mitarbeiter des Jugendamtes Anders reagieren mit Unverständnis, werfen den Eheleuten Meier vor, unflexibel zu sein und das Wohl der Kinder zudem wissentlich durch Besuchskontakte zu gefährden. Entweder, sie würden die Arbeit zu den Konditionen des hiesigen Jugendamtes fortsetzen oder man würde für Chantal und Kevin eine Familie suchen, die gewillt ist, mit dem Jugendamt zusammenzuarbeiten.

Diese Diskussion hat Auswirkungen: Die Eheleute Meier sind nach dem Termin völlig aufgelöst. Immer und immer wieder bereden sie das Gesagte. Sie befürchten die Herausnahme der Kinder, wenn sie bei ihrer Haltung bleiben. Eine Zusammenarbeit mit dem Jugendamt scheint bei so unterschiedlichen Standpunkten unmöglich – die Konflikte und Kämpfe sind vorprogrammiert. Was können sie tun?

Die Wochen bis zum nächsten Gesprächstermin mit dem Jugendamt sind geprägt von Angst, Sorge und Unsicherheit: Werden wir dann noch eine Familie sein? Wir werden scheitern, wenn wir nicht mehr unsere gewohnte Unterstützung bekommen und auf Bewährtes zurückgreifen können! Warum wird das gut funktionierende System nicht erhalten? Welche Position haben wir als Pflegefamilie und welche Rechte?

Chantal und Kevin reagieren seit dem Hausbesuch der Mitarbeiter des Jugendamtes Anders unruhig. Sie spüren, dass sich etwas verändert hat und erleben ihre neuen Eltern nicht mehr klar und orientierend. Als sich diese Irritation nach ein paar Tagen nicht legt, fängt Kevin wieder an einzukoten, kommt nicht - wie gewohnt - nach Hause, fällt durch Regelverstöße auf und reagiert aggressiv, wenn er auf Fehlverhalten aufmerksam gemacht wird. Eigentlich reagiert er wie zu Beginn der Unterbringung. Auch Chantal zeigt sich deutlich verunsichert. Sie kratzt sich die Beine auf und beginnt wieder ihre Nägel zu kauen bzw. die Fingerkuppen abzubeißen, bis sie bluten. Auch werden wieder kleine Diebstähle im häuslichen Umfeld beo-bachtet. Der Kindergarten meldet sich, um nachzufragen, was los ist: Chantal zeigt sich hier wieder distanzlos und fällt seit Tagen durch extreme Unruhe auf. Sie kann sich kaum noch auf Spielkontakte einlassen und fragt häufig, wann sie ihre Mutter wieder sieht.

Die Eheleute Meier sind verzweifelt. Chantal und Kevin reagieren wieder mit ihren alten Verhaltensweisen, und sie können ihnen in ihrer Not noch nicht einmal helfen – sie fühlen sich der Situation ja selbst hilflos ausgeliefert. Dabei waren sie als starke Eltern angetreten, die Orientierung und Halt bieten wollten.

Ebenfalls völlig verunsichert ist die leibliche Mutter. Hatten die Kontakte mit ihren Kindern doch in letzter Zeit so gut geklappt, und es gab auch keine negativen Rückmeldungen aus der Pflegefamilie. Auch an diese hatte sie sich ein wenig gewöhnt. Und nun sagt der neue Vormund, Kontakte seien schädlich, und er wolle sie unterbinden?

Auch die Mitarbeiter von „Neue Wege“ sind hilflos. Ihnen sind die Hände gebunden. Die Pflegeltern sind nicht leistungsberechtigt und können daher nicht entscheiden, von wem sie betreut werden möchten, sondern der Sorgeberechtigte - in diesem Fall der Amtsvormund des Jugendamtes Anders. Und wenn er entscheidet, die Hilfe über „Neue Wege“ sei nicht nötig, dann kann das Jugendamt Anders die Zusammenarbeit mit „Neue Wege“ beenden.